Hannes Wörwag Oben

Oben

Hannes Wörwag vertritt die Familie im Unternehmen. Neben seinem Sinn für Zahlen zeichnen den Geschäftsführer menschliche Werte wie Bodenständigkeit und Verlässlichkeit aus. Reden mag er darüber nicht. Er schaut lieber nach vorn und lässt Taten sprechen – als ein Wörwag-Mitarbeiter unter fast tausend rund um den Globus.

Heute führt nur ein Weg nach oben. Mutig muss man dazu sein. Schwindelfrei ebenfalls. Souverän klettert Hannes Wörwag die sieben Sprossen der Fassadenleiter aufs Dach des markanten Gebäudes in der Strohgäustraße.

Das kleine Abenteuer macht dem Geschäftsführer sichtlich Spaß. „Ich kenne die Firma seit meiner Kindheit, doch hier oben war ich noch nie“,  verrät der 52-Jährige beim Fototermin neben den großen Buchstaben, die seinen Familiennamen in den Himmel über Zuffenhausen schreiben. Wörwag: „Der Schriftzug bedeutet mir nichts. Ich bin kein sentimentaler Mensch. Aber die Idee, mal hier raufzusteigen, hat mir gefallen.“

Ganz oben zu stehen, widerspricht eigentlich seinem Naturell. Vor allem, wenn er dadurch Gefahr läuft, ins Rampenlicht zu treten. Wörwag in Worte zu packen, ist fast so schwierig, wie unter Zeitdruck einen neuen Effektlack für die Serie freigeben zu lassen.

Wer Adjektive sucht, die den Mann in Jeans und Softshell-Jacke beschreiben, landet bei bodenständig, normal, realistisch, ehrlich. Ein Mitarbeiter wie alle. Immer authentisch, geschätzt für seinen Humor. „Bin ich humorvoll?“, dämpft der passionierte Motorradfahrer erwartungsgemäß und hebt die Augenbrauen. Ein Werbevideo mit der Robbe „Snuffy“, verrät er, das fände er witzig.

Hannes Wörwag

Seit 2003 ist Wörwag im Unternehmen tätig, seit 2011 verantwortet er als Geschäftsführer unter anderem Finanzen, Einkauf und Personal.

Wenn er spricht, fallen viele pointierte Aussagen.

Stets begründet er seine Einschätzung, erläutert den Hintergrund. „Um eine Geschichte über mich zu schreiben, bleibt indes nicht viel. Ich möchte kein Mann der großen Worte sein“, schmunzelt Wörwag.

Ebenso wenig mag er es, wenn um seine Person viel Wirbel gemacht wird, nur weil er den Namen der Firma trägt, in der er arbeitet. Nähe zu den Mitarbeitern zeigt er konsequenterweise nicht durch Routine-Rundgänge, sondern „höchstens in der Raucherecke“.

Das 100-Jahre-Jubiläum ist für ihn in erster Linie eine Momentaufnahme – bei allem schwäbischen Understatement aber doch eine schöne. Wörwag legt Wert auf die Feststellung, dass Alter allein noch keine Tradition mache.

Dennoch hätten sein Vater Karl Eberhard und andere Verwandte vieles richtig entschieden. Beispielsweise, schon vor dreißig Jahren auf Lacke zur Beschichtung von Kunststoff-Anbauteilen zu setzen. Oder zuverlässigen Partnern zum richtigen Zeitpunkt ins Ausland zu folgen, um das internationale Wachstum zu forcieren.

Komplikationen bei der Entwicklung von Hightech-Lacken oder anspruchsvoller Verfahren sind Themen, die er meidet: „Wir reden hier ja nicht von Raketentechnik oder einer Mission zum Mars. Es geht um Lacksysteme.“ Die Firma unterliege seit Jahrzehnten einem permanenten Wandel.

Schon vor dreißig Jahren waren große Aufgaben zu meistern. „Mein Vater hat im Studium noch mit dem Rechenschieber gearbeitet. Trotzdem hat er unsere IT aufgebaut“, erinnert sich Wörwag und lässt offen, wann die Hürden höher lagen.

Letztlich ist das Unternehmen mit den Ansprüchen an die Produkte und Verfahren gewachsen. Der Erfolg gibt den Beteiligten recht. Wörwag gehört in der Lackbranche zwar nicht zu den größten, aber zu den renommierten. Mit ihrem enormen Fachwissen hat die Firma am Markt eine Nische gefunden. „Unseren Ruf haben wir uns über Jahrzehnte erarbeitet“, betont Wörwag. Welche Rolle dabei der Status als Familienunternehmen spielt, darüber spekuliert er nicht.

„Auch wir müssen uns wirtschaftlichen Zwängen stellen, müssen rechnen und Entscheidungen treffen, die manchen missfallen“, sagt er.

Als Familienmitglied fühlt er sich im operativen Geschäft keineswegs privilegiert. „Viele Kollegen sind der Firma sehr verbunden und denken ebenfalls unternehmerisch“, lobt der studierte Chemieingenieur.  Und wenn er täglich nach Stuttgart ins Büro kommt, in der Kantine isst und nur im Notfall einen Anzug trägt, unterstreicht er damit sein Anliegen, normal zu sein.

„Wenn die Mitarbeiter überzeugt sind, dass Wörwag anders tickt, dann ist das doch toll“,
findet der etwas andere Geschäftsführer.

Abstecher mit Motorrad: Hannes Wörwag prüft den Fortschritt der Bauarbeiten.

Hundert Jahre alt, die Zukunft im Visier: Für dreißig Millionen Euro baut Wörwag ein neues Werk – Hannes Wörwag ist sich der Symbolkraft des Neubaus bewusst.

Auf dem Dach lässt Wörwag den Blick in die Ferne schweifen. Bis nach Korntal-Münchingen sieht er nicht. Dazu liegt es doch etwas zu weit. Keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt entsteht ein Teil der Zukunft des Unternehmens. Fünf Minuten braucht Wörwag dorthin auf seiner Husqvarna. Das Motorrad ist seine Leidenschaft. Er liebt das Tempo, die Kurven, den Nervenkitzel. Weniger die Sonntagsbiker. Oft zieht es ihn in die Südtiroler oder die französischen Alpen. Am Rand des Bauplatzes parkt er, setzt den Helm ab, begutachtet den Fortschritt der Erdarbeiten.

Auf dem 20.000 Quadratmeter großen Gelände vor den Toren Stuttgarts wird seit Ende 2017 geschafft. Ende 2019 sollen dort Büros und eine Werkhalle für gut hundert Mitarbeiter fertig sein. Als das Wort Vision fällt, zuckt Wörwag. Nein, auf solche Ausdrücke möchte er verzichten. „Die Entscheidung, im ersten Schritt mit einem Teil der Belegschaft umzuziehen, unterstreicht, dass die Gesellschafter langfristig planen. Das liegt durchaus im Interesse der Mitarbeiter“, meint er. Dreißig Millionen Euro investiert die Familie hier.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, stellt Wörwag klar: „Unsere Firma macht sich nicht schick. Wir brauchen keinen Prunkbau. Der Familie, meinem Vater und meinen Onkeln kam es nie darauf an, sich in den Vordergrund zu drängen. Jetzt machen wir das auch nicht.“ Den rechten Moment, die Zukunft zu planen, hat das Unternehmen jedenfalls ergriffen. Das gilt auch für das Fotoshooting auf dem Dach. Denn nach dem Umzug wird der Blick auf das alte Werk ein anderer sein: Das markante Bürogebäude in der Strohgäustraße wird abgerissen.

Für dreißig Millionen Euro baut Wörwag ein neues Werk – eine Investition mit Symbolkraft.

Knapp fünf Kilometer liegt Münchingen vom Stammsitz Zuffenhausen entfernt.

Ende 2019 sollen Büros und eine Werkhalle für gut hundert Mitarbeiter fertig sein.

Neben attraktiven Büros auf vier Etagen entsteht eine dreistöckige Halle, die unter anderem das akkreditierte Prüflabor aufnehmen wird.

Text: Michael Thiem

Fotos: Victor John Goico